Unser 15. Jubiläum

Im Februar 2021 wollten wir eigentlich unser 15. Jubiläum feiern, aber wir hatten gar keine Zeit, über Tourismus nachzudenken. Selbst heute noch, fast zwei Monate nach dem Militärputsch, finden wir kaum Zeit, uns über etwas anderes Gedanken zu machen als den Militärputsch und die Menschen, die hinter dem Putsch stecken und Tag für Tag unser Leben bedrohen.

Wir sind uns nicht sicher, ob wir unser Büro jemals wieder öffnen können, um Menschen aus der ganzen Welt an diesem mystischen Ort, den wir lieben und unser Zuhause nennen, willkommen zu heißen. Doch in unseren Herzen und unseren Gedankenbehalten wir die zahlreichen unvergesslichen Erinnerungen, die wir mit unseren Kunden geteilt haben, und wir hoffen, dass auch sie sich immer an die wundervollen Erlebnisse während ihres Aufenthalts in Myanmar erinnern werden.

Der Start im Jahr 2006 war nicht einfach. Wir mussten meine Lebensversicherung auflösen, um zumindest ein wenig Geld für Rechnungen und die Schulgebühren für unsere drei Mädchen zu haben. Wir mussten einen Telefonanschluss beantragen und brauchten auch eine Internetverbindung und eine Website. Die Stromversorgung war ein weiteres Problem. Die Regierung meinte, dass Menschen nur nachts, aber nicht tagsüber Strom bräuchten. Was machen Geschäftsleute tagsüber ohne Strom? Wir hatten kein Geld, um uns einen Generator zu kaufen, sodass wir am Tag schliefen und in der Nacht arbeiteten. Wir arbeiteten hart und das hat sich ausgezahlt. Unsere erste Kundin war aus Chile und wir lernten sie noch im selben Jahr im Oktober kennen, als sie sich in Mandalay aufhielt. Bis heute haben wir Kontakt zu ihr.

Das Jahr 2007 begann sehr vielversprechend. Wir hatten so viele Anfragen und Buchungen, dass wir einige Interessenten sogar bitten mussten, ihre Reise zu verschieben. Doch dann machte die Safran-Revolution das Geschäft zunichte und über 50 Prozent unserer Kunden entschieden sich, ihre Reise zu stornieren. Noch schlimmer wurde es, als der Zyklon Nargis über den südlichen Teil des Irawadi-Deltas hinwegfegteund dabei mehr als 130.000 Menschen das Leben kostete. Die Tourismusbranche brach zusammen, sodass Reiseleiter gezwungen waren, das Land zu verlassen und woanders nach einem Job zu suchen. Restaurants mussten endgültig schließen und Hotels hatten schwere Einbußen zu verzeichnen. Zwei unserer Kunden, die Ngapali Beach im Dezember 2008 besuchten, wurden vom Hotelmanager persönlich begrüßt. Er teilte ihnen mit, dass alle 180 Hotelmitarbeiter ganz für sie allein da sein würden. Sie waren die einzigen Gäste weit und breit.

Durch die politischen Veränderungen 2010 gab es einen Aufschwung, den sich niemand jemals erträumt hätte. Plötzlich war Myanmar in allen Nachrichten zu sehen – selbst meine Familie und Freunde aus Deutschland riefen mich an und erzählten mir von einer weiteren Reportage oder einem weiteren Artikel über das Land. Myanmar tauchte plötzlich auf der touristischen Landkarte auf wie ein neu entdeckter Planet im Universum. Zum ersten Mal waren die Hotels ausgebucht. Wir hatten nicht einmal genug Zimmer für alle Gäste. Die Menschen mussten in Klöstern schlafen oder einen freien Platz in der Hotellobby finden. Die Preise schossen in die Höhe, sodass ein einfaches 20-Dollar-Zimmer plötzlich 100 US-Dollar kostete. In den folgenden Jahren konnten wir uns wahrlich nicht beschweren, selbst als die Konkurrenz wuchs und örtliche Reisebüros vor neue Herausforderungen gestellt wurden. Online-Buchungen wurden immer beliebter. Waren Touristen all die Jahre zuvor gezwungen gewesen, eine Reiseagentur vor Ort für alle notwendigen Reisevorbereitungen, einschließlich eines vor Ankunft erstellten Visums, zu kontaktieren, konnten sie nun Hotels, Inlandsflüge oder sogar Bus- und Zugtickets eigenständig über Online-Plattformen buchen. Noch weniger Buchungen verzeichneten wir, als das neue Online-System für das „Visum bei Ankunft“ eingeführt wurde.

Trotz dieser Herausforderungen hatten wir keinen Grund zur Klage. Wir konnten unsere Mädchen auf Privatschulen schicken und Myanmar von Norden nach Süden und von Osten nach Westen erkunden. Als Familie unternahmen wir Trekkingreisen im Shan-Staat, Chin-Staat und in den Naga Hills. Wir besuchten Thailand, Malaysia, Laos und Vietnam und reisten zweimal nach Europa, wo wir per Auto und Zug nach Österreich, in die Schweiz, nach Frankreich und Italien fuhren. Wir standen am Eiffelturm, besuchten den Louvre, spazierten durchs Kolosseum in Rom, fuhren in Venedig mit der Gondel, rutschten durch die beeindruckenden Hallstätter Salzhöhlen in der Nähe von Salzburg, bestaunten die Burg Hohenzollern und standen auf der Zugspitze, dem höchsten Berg Deutschlands, wo unsere Kinder das erste Mal in ihrem Leben mit all ihren Sinnen Schnee spüren konnten. Wir führten ein sehr gutes Leben, verdienten gutes Geld und legten etwas davon für schlechte Zeiten zurück. Schlechte Zeiten kommen nämlich immer. Das Leben ist wie eine Achterbahn, mit Höhen und Tiefen, guten und schlechten Zeiten.

Das Coronavirus erreichte Myanmar spät, zumindest offiziell. Erst am 23. März wurde der erste Fall gemeldet. Vier Tage später machten sich unsere letzten Kunden auf den Heimweg. Wir schlossen unser Büro, packten unsere Sachen und fuhren auf direktem Weg zu unserer Farm, die zweieinhalb Stunden nordwestlich von Yangon liegt. Shwe Yee hat das Land im September 2019 gekauft, Mais und Sonnenblumen gesät und langsam begonnen, eine Farm zu errichten – als ob sie vorausgesehen hätte, was uns 2020 widerfahren sollte. Das meiste, was wir anbauten, war für unseren eigenen Bedarf, aber wir verkauften auch Mais, Bohnen, Kürbisse, Gurken und Süßkartoffeln.

Auch unsere Familie wurde größer: Zuerst adoptierten wir ein Affenbaby, das im Alter von zwei Monaten seine Eltern verloren hatte. Ich werde den Moment nie vergessen, als Shwe Yee mit der Kleinen auf dem Arm zu mir kam und vor Freude strahlte. Von diesem Moment an liebten wir sie wie eine Tochter und unsere Gäste waren entzückt. Den ganzen Tag hörten wir nur „Lu Lu, Lu Lu“. Unsere Lu Lu läuft, springt, klettert und kann davon nicht genug kriegen. Shwe Yee hat versucht, sie zu erziehen, aber ich habe mich immer gefragt: Wer erzieht hier eigentlich wen?

Als Nächstes adoptierten wir ein Reh, das ebenfalls verwaist war. Natürlich hatte sich herumgesprochen, dass Shwe Yee nicht Nein sagen kann, und so fand auch die kleine Ricke hier ein neues Zuhause. Wir haben viel Platz und sie kann sich frei bewegen. Wir wollen sie nicht einsperren, auch auf die Gefahr hin, dass sie eines Tages nicht zurückkommt.

Jue Jue, unsere älteste Tochter, wird dieses Jahr ihre Ausbildung in Bad Honnef abschließen und danach ein Praktikum anfangen. Allerdings bin ich gespannt, ob sie in Anbetracht der aktuellen Lage einen Platz in der Tourismusbranche bekommen wird. Wir werden sehen, ein Schritt nach dem anderen! Unsere zweitälteste Tochter Madelay geht in Budapest zur Uni. Sie ist im zweiten Jahr und hat sich auf Marketing spezialisiert. Hnin Phyu Lay, unsere jüngste Tochter, wird dieses Jahr 19 Jahre alt und würde gerne in Wien studieren. Sie war erst hier bei uns auf der Farm, aber sie hat sich gelangweilt und vielleicht auch ihren Freund vermisst.

An Silvester hatten wir ungefähr 20 Gäste bei uns auf der Farm. Wir haben ein Lagerfeuer unten am Fluss gemacht, gegrillt, gut gegessen, getanzt und eine Menge Spaß gehabt. Trotzdem bin ich kurz nach 22:00 Uhr ins Bett gegangen und habe das neue Jahr erst am nächsten Morgen nach einem erholsamen Schlaf und mit einem klaren Kopf begrüßt. Eine sehr angenehme Erfahrung! Im neuen Jahr haben wir da weitergemacht, wo wir im letzten Jahr aufgehört haben. Shwe Yee mauserte sich mehr und mehr zur perfekten Gastgeberin, die alle umsorgt und jeden Tag für 60 bis 70 Leute kocht. Ich habe ein wenig im Garten gearbeitet, das Haus sauber gehalten und den Gästen am Nachmittag als Guide zur Verfügung gestanden: ein kurzer, halbstündiger Marsch zum Stausee, eine Bootstour zu den verschiedenen Inseln und dann wieder zurück. Die Tour ging etwa zwei Stunden. Nachdem sich die letzten Gäste verabschiedet hatten und wieder Ruhe eingekehrt war, saßen wir auf unserer Holzbank, tranken ein Glas Wein und betrachteten unseren Garten. Ein schönes Leben! Eigentlich ging es uns auch ohne Reisebüro ganz gut, bis uns am 1. Februar um 06:45 Uhr die Nachricht vom Militärputsch erreichte.

Die Situation hat sich verschlechtert und besonders das, was wir in den letzten vier Wochen mitbekommen haben, ist schwer zu ertragen. Dennoch sind wir fest entschlossen, diese sehr schwierige Zeit zu überstehen, weiterzumachen und der Militärherrschaft Myanmars entgegenzutreten. Gemeinsam mit den ethnischen Gruppen sollten wir den Militärputsch erfolgreich beenden können. Wir haben keine andere Wahl. Wir sind auf uns allein gestellt und können keine Hilfe vom UN-Sicherheitsrat oder von den anderen neun Mitgliedern des ASEAN erwarten.

Wir sind nicht sicher, wie sich unsere Lage in den nächsten Wochen und Monaten entwickeln wird. Wir hoffen auf das Beste und versuchen, uns gleichzeitig auf das Schlimmste vorzubereiten. Wir werden hoffentlich mit der Außenwelt in Verbindung bleiben können und uns noch einmal wiedersehen, hier in Myanmar oder woanders.

Mit herzlichen Grüßen

Shwe Yee und Klaus-Dieter Müller

2 Kommentare zu „Unser 15. Jubiläum“

    1. Sehr geehrte Frau Mader,
      Sehr geehrter Herr Mader,

      vielen Dank fuer Ihre Glueckwuensche.

      Herzliche Gruesse
      Shwe Yee & Klaus-Dieter Mueller

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