Unsere Reise durch die Naga-Berge

Zwei Stunden lang schlängelte sich die kurvenreiche Strasse die Gebirgszüge rauf und runter, vorbei an endlosen Reisfeldern und kleinen Siedlungen, bis wir die ersten Häuser von Kuki erreicht hatten. Es war Mitte April, heiss, staubig und weit und breit keine Menschenseele zu sehen. Auffallend war das viele Feuerholz, das sich hier überall stapelte. Wo wir auch hinschauten, oft bis zu zwei Meter. In unserem ganzen Leben hatten wir noch nie so viel Feuerholz gesehen. Dazwischen sahen wir immer wieder einzelne oder auch mehrere beieinanderstehende Steinsäulen.

Noch konnten wir nicht ahnen, dass diese grob geformten Schiefersäulen beschriftet sind und das flächenmäßig größte uns bekannte Heimatbuch darstellen. Vor einem neuen zweistöckigen Haus, zentral gelegen, gleich etwas oberhalb vom Ortsbrunnen, hielten wir an. Hier würden wir die Nacht verbringen. Wow! Ganz aus Kiefernholz, mit einem offenen umlaufenden Balkon und helle, geräumige Zimmer. Jedes Zimmer war mit einem breiten Bett, weichen Matratzen, dicken Decken und Kopfkissen ausgestattet. Hier könnte man es auch etwas länger aushalten!
Am Nachmittag machten wir uns auf um den Ort zu erkunden. Gleich gegenüber saß ein älterer Mann in der Sonne, spaltete mit seinem Messer Bambus in dünne Streifen und flechtete daraus wunderschöne Körbe. Sisar ist 75 Jahre alt und sitzt fast jeden Tag vor dem Haus um Körbe zu flechten. Das machen die Männer in seiner Familie schon seit Generationen. Als Junge war es sein Wunsch für die Regierung zu arbeiten. Dazu musste er aber Myanmarisch lernen, was nur in Htamanti möglich war. Als er eine Krankenschwester und ihrem Mann aus Htamanti traf, die ihm einen Platz zum wohnen anboten, gab es kein Halten mehr. Er war 16, als er sein Elternhaus verließ und sich auf den Weg machte. Vier Tage waren sie zu Fuß unterwegs, bergauf und bergab, durch dichten Dschungel, bis sie endlich in Htamanti ankamen. Nach einem Jahr tauchte der Bruder in Htamanti auf. Die Mutter hatte ihn geschickt, um ihn für die Feldarbeit nach Hause zu holen. Er heiratete mit 19, doch ein Jahr später kam die Naga-Armee nach Kuki und nahm ihn mit. Zweieinhalb Jahre musste er dienen. Sie kämpften gegen die myanmarische Armee, verloren die Schlacht und mussten sich ergeben. Er hat sechs Kinder und 20 Enkelkinder. Die Kinder sind alle noch hier im Ort, arbeiten auf den Feldern oder für die Regierung. Seine Frau ist vor 11 Jahren gestorben. Sie konnte nicht darüber hinwegkommen, dass ein Sturm die ganzen Reisfelder zerstört hat, wurde verrückt, krank und starb. Er selbst ist mit seinem Leben ganz zufrieden, geistig fit und mit einer guten Portion Humor ausgestattet. Als ich sein Laster mit dem Rauchen andeute, zeigt er verschmitzt auf das hübsche Mädchen das die Verpackung ziert.

Auf unserem Rundgang sahen wir prächtige, sehr solide Holzhäuser aus langen überlappenden Kieferbretter. Auf den langen Hausseiten horizontal und auf der Vorder- und Rückseite vertikal angeordnet. Hüfthohe Steinmauern grenzten die Grundstücke ein. Beeindruckend waren die mächtigen Holztüren an der Hausvorderseite, manche mit Holzschnitzereien versehen. Hin und wieder bestaunten wir auch Holzbretter und ganze Fassaden, die von oben bis unten mit grob geschnitzten Büffelköpfen verziert waren. Die meisten Häuser hatten keine Fenster, wenn doch waren diese eher klein und von einem Fensterladen verschlossen. Viele Häuser waren noch ganz traditionell mit Stroh bedeckt, halbierte Bambusrohre dienten als Regenrinne. Das Innere war düster, erhellt nur durch das Feuer und dem Licht das durch die Ritzen fiel. Dafür aber sehr geräumig und heimelig. Sauber wie nach einem Frühjahrsputz, selbst der Lehmboden. In der Mitte vom Raum die Feuerstelle, darüber ein Gestell zum Fleisch räuchern und drumherum 10 cm hohe Holzschemel zum verweilen. An der rückliegenden Wand ein Regal für Töpfe, Teller, Tassen und Gläser, daneben Einbauschränke mit mehrfarbigen Türen.

Nur ältere Frauen über 70 hatten noch Tätowierungen im Gesicht, die am Kinn weisen auf die Stammeszugehörigkeit hin, bei manchen Frauen waren auch Arme und Beine tätowiert. Auffallend war auch der Halsschmuck und die großen nach unten durchhängenden Ohrlöcher vom tragen schwerer Ringe. Im Alltag tragen die Frauen aber nur leichten Ohrschmuck, entweder silberfarbene Scheiben oder Korken große Holzstücke. Die Frauen waren generell sehr scheu und wollten sich auch nicht fotografieren lassen. Zwei ältere Frauen luden uns zu einem Becher Reiswein ein. So saßen wir vor der kleinen Hütte und versuchen uns mit den Frauen zu unterhalten. Das war aber gar nicht einfach, da die Frauen kein Myanmarisch sprachen, sondern nur einen Naga-Dialekt, den auch mein Guide nicht verstand. Bis 2005/2006 war es für die Nagas nicht möglich Myanmarisch zu lernen, auch nicht in Layshi.

Auf unserem Rundgang erfuhren wir auch mehr über die beschrifteten Steinplatten, die im ganzen Ort hoch aufgerichtet stehen. Ein älterer Mann erzählte uns wie die schweren Steinplatten in's Dorf gebracht wurden. Da mussten alle Männer vom Ort helfen, jung und alt, um die schweren Steinplatten mit langen Ratanseilen ins Dorf zu ziehen. Berühren durften die Männer die Steinplatten nicht, das war nur dem Dorfkönig erlaubt. Ein anderer Mann soll gehört haben, dass früher die ganz mutigen jungen Männer auf den Steinplatten den Berg hinunter geschlittert sind. Das muss ein Spektakel gewesen sein! Auf den Steinplatten hatte man schriftlich festgehalten wieviele Büffel, Schweine, Hühner jemand für ein Fest gespendet hat, andere Steintafeln erinnern an den Vater, das Dorfoberhaupt, den Dorfkönig oder einem ganz speziellen Ereignis.

Nach unsere Reise durch die Geschichte von Kuki, standen wir ganz oben auf dem Berghang. Direkt vor uns die neue Kirche, links ein paar Meter weiter der Strasse entlang, das Naga-Museum und davor ragten fünf verzierte Holzsäulen in den Himmel. Hier hatte sich am späten Nachmittag auch die Dorfjugend versammelt. Nicht wegen dem Museum, das war eh geschlossen oder der fantastischen Aussicht auf Kuki und die Naga-Berge sondern weil das hier die einzige Stelle im Ort war, wo man Internet empfangen konnte.

Old Gon Kan Lon liegt tief in den Naga-Bergen, oberhalb des Naw Win Rivers, auf einer Höhe von 1.879 m. Die schmale Straße, die sich von Layshi nach Sumra durch die Naga-Berge schlängelt, durchschneidet den Ort in zwei Hälften. Rechts den Berghang hinauf befindet sich der alte Ortsteil von Old Gon Kan Lon, links das Tal hinunter, liegen die neueren Hütten und auch die Kirche, die sich über einem kleinen Hügel erhebt. Vom Ort hat man einen fantastischen Ausblick auf die Naga-Berge und den Mole, der die Szenerie beherrscht. Rechts vom Berg schimmern die Dächer von Sumra. Die ersten Nagas siedelten hier schon vor dem 2. Weltkrieg an. Heute zählt der Ort ca. 190 Häuser und etwa 1.000 Einwohner, die vom Reisanbau und der Jagd leben. Nachdem wir in der Schule unser Nachtquartier eingerichtet hatten, waren die Männer bereit uns durch den Ort zu führen. Auf unserem Rundgang, der uns zuerst hinauf zum alten Ortsteil führte, begegneten wir freundlichen, aber auch zurückhaltenden Menschen. Viele Touristen haben die Menschen hier bestimmt noch nicht gesehen, auch sollen wir die ersten sein die hier die Nacht verbringen werden.

Auf einem kleinen Plateau sehen wir mehrere Gedenksteine. Hier auf diesem Platz hat man noch vor vier Generationen die Trophäen (Köpfe) der Feinde ausgestellt — so erzählte man uns. Gleich neben dem Platz, in einer einfachen Holzhütte, mit Stroh bedeckt, lebt ein über 80-jähriger Mann, der diesen Ort sein ganzes Leben lang noch nicht verlassen hat. Als Erstgeborener des „Village Kings“ war es seine Pflicht die Tradition aufrecht zu erhalten und er würde diese Aufgabe auch seinem Erstgeborenen übertragen. Sro Bo, in Kuki geboren, ist 81 Jahre alt. Für sein Alter noch recht rüstig, seine kleine gedrungene Gestalt steht an der offenen Tür, seine trüben, etwas milchigen Augen sind weit geöffnet und schauen uns neugierig an. Die Kinder, die in einem größeren Haus gleich neben der kleinen Hütte leben, haben sich genähert und bilden mit uns einen Halbkreis um den Dorfkönig.

Sro Bo war noch ein kleiner Junge als seine Eltern starben. Wie alt er damals war weiß er nicht. Etwa sechs Jahre, seine Handfläche die sich etwa 80 cm über dem Boden befindet zeigt an wie groß er damals war. Er war nicht der Erstgeborene, aber da sein älterer Bruder nicht mehr lebte, war es seine Aufgabe die Tradition fortzusetzen und so wurde der kleine Bub der neue Dorfkönig von Old Gon Kan Lon. Pa De die ganz in der Nähe wohnt, kann sich noch sehr gut an diese Zeit erinnern. Sie erinnert sich auch daran, wie seine Eltern starben und dass er noch sehr jung war, zu jung, um sich selbst zu versorgen. Also wurde kurzfristig eine Hochzeit mit einem älteren Mädchen arrangiert, damit er jemand hat, der sich um ihn kümmert. Zu den wichtigsten Aufgaben des Dorfkönigs gehöhrt zum Beispiel auch den Beginn, der Reispflanzsaison festzulegen, welche wir am nächsten Tag erleben sollten. Auch kann er die Zukunft vorhersagen. So sehen wir gespannt zu wie er einen kurzen Rundstab schräg an ein Stück Kiefernholz legt, das andere Ende mit dem Fuß fest gegen den Boden drückt, ein Bambusstreifen unter dem Rundholz durchführt, beide Enden nach oben zieht bis der Bambusstreifen fest am Rundholz anliegt und dann den Bambusstreifen so schnell er kann rauf und runter bewegt bis er reißt. Nicht einfach, die Anstrengung war dem Dorfkönig deutlich anzusehen. Nachdem er die Bruchstelle längere Zeit betrachtet hat, teilt er mir mit, dass meine Reise ohne Zwischenfälle verlaufen und ich wieder wohlbehalten in Yangon ankommen würde. Erleichtert verabschiedeten wir uns vom Dorfkönig und setzten unseren Rundgang fort.

Auch Pa De kann sich nicht an ihr Alter erinnern, aber der Dorfkönig wurde gerade geboren, als sie ihr erstes Kind zur Welt brachte. Also muss sie fast 100 Jahre alt sein. Die Dorfbewohner sagen, dass sie die 100 bereits überschritten hat. Erinnern kann sie sich aber noch sehr gut an die Zeit als sie sich vor den japanischen Soldaten im Dschungel verstecken mussten. Die kamen, auf der Suche nach Nahrung, in die Dörfer und töteten alle Tiere. Auch weiß sie nicht wie alt sie war als sie verheiratet wurde, aber das Haar viel ihr bereits bis auf die Schultern. Mit der Wahl ihrer Eltern war sie überhaupt nicht einverstanden und und wurde richtig wütend. Nicht weil er nicht gut aussah, sondern weil sie ihn nicht liebte. Sie hätte gerne Jemanden geheiratet, den sie liebt, jemand der nicht nur gut aussieht, sondern auch große Felder besitzt.
Pa De hatte fünf Brüder und drei Schwestern, die alle starben noch bevor sie verheiratet wurde. Nach der Hochzeit wohnte sie mit ihrem Mann und seiner Familie zusammen. Erst als sie ihr erstes Kind bekam, zogen sie aus und hatten ihr eigenes Haus. Sie bekam „nur“ neun Kinder, drei sind schon im frühen Kindesalter gestorben. Die großen, langgezogenen Ohrlöcher weisen darauf hin, dass sie früher schwere Ohrringe getragen hat. Einer alten Tradition folgend, mussten Mädchen ihre Ohren stechen lassen und Ohrringe tragen, sonst konnten sie nicht heiraten. Die Sonne verschwand schon hinter den Bergen, als wir uns von Pa De verabschieden.

Die ganze Nacht hatte der Wind durch die Bretterritzen gepfiffen. Wie kann man da schlafen? So war ich froh als die unruhige Nacht zu Ende ging und mit dem ersten Tageslicht war ich auf den Beinen. Es war kalt, der eisige Wind pfiff uns um die Ohren und dunkle Wolken versprachen Regen. Doch nach dem Frühstück klarte es etwas auf. Ideales Wanderwetter und so beschlossen wir den ersten Teil der heutigen Tagesetappe zu Fuß zurückzulegen. Unser Ziel, das Dorf Pundere auf 1.728 m, befindet sich auf der anderen Talseite. Gegen 08:30 Uhr machen wir uns mit einem einheimischen Führer auf den Weg. Der angenehme Pfad führt ständig bergab, durch Mischwald: Laubbäume, Kiefern und Rhododendron. Immer wieder huscht eine ältere Frau an uns vorbei und schwingt sich mit Hilfe eines langen Bambusstabs ins Tal. Das müsste man auch einmal versuchen! Doch wir hatten es ja nicht eilig und genießen die Natur in vollen Zügen. Nach etwas mehr als zwei Stunden erreichten wir den Fluss, der sich hier an Reisterrassen vorbei durch das Tal schlängelte. Ein herrlicher Anblick! Hier eine kleine Wassermühle, da eine Hängebrücke die sich über den Fluss spannt, dort eine kleine Herde von Wasserbüffeln und überall Nagas beim setzen von Reispflanzen. Was für eine Idylle! Fasziniert bleiben wir stehen und lassen die Atmosphäre auf uns wirken.

Der Aufstieg war lang, aber nicht steil. Immer wieder blieben wir stehen, genießen den Blick hinunter ins Tal und auf die dahinter liegenden Berge. Nach zweineinhalb Stunden tauchten die ersten Häuser von Pundere auf. Hier wartet schon das Fahrzeug auf uns und brachte uns in wenigen Minuten nach Sumra (1.889 m).

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